ILSE HAIDER „ICONS“
Berühmte Gesichter – und doch immer etwas Rätselhaftes, Unausgesprochenes im Blick, in der Mimik, so zeigen sich die von der Medienkünstlerin Ilse Haider ins Skulpturhafte übertragenen Porträtstudien von ihrer ambivalenten Seite. Ihre Motive nimmt sie aus veröffentlichten Medien, Starfotos von Modeikonen, SchauspielerInnen, weltberühmten Intellektuellen – und doch irritierte etwas die rasche Identifizierung, stört etwas den oberflächlichen Bilderkonsum.
Ilse Haider unterzieht die tausendfach publizierten Celebrity-Fotos einem Umwandlungs- und Umdeutungsprozess. Die gekonnt einstudierte Pose der Modelle, die zurechtgerückte Mimik, die kosmetisch korrigierte Attitüde des Originalfotos werden in eine neue Wahrnehmungssphäre überführt: schräg verlaufende, sich kreuzende, dicht verwobene Linien verändern Präsenz und Stringenz der bearbeiteten Bildnisse.
Der Sehvorgang des Betrachters wird auf die Probe gestellt: von welchem Standort aus ist das Zusammensehen von Bild und Peddigrohr-Relief ideal? Welche Verzerrungen ergeben sich bei der betrachtenden Bewegung, was bleibt, was verschwindet?
Sehen und Bewegung
Normalerweise ist man sich nicht bewusst, dass Sehen immer Bewegung bedeutet. Unsere Augen sind ständig in Bewegung, fokussieren ein Objekt, umkreisen es, zoomen näher oder weiter und ermöglichen damit den Erkennungs- und Verarbeitungsprozess. Gewohnheitsmäßig werden unerklärliche Details und störende Hindernisse stillschweigend ausgeblendet – das Auge will etwas „Erkennbares“ liefern. Ilse Haider bietet den umgekehrten Weg an: nicht das schnelle Abhaken von allseits bekannten medial transportierten berühmten Gesichtern steht im Vordergrund der Kunstbetrachtung, sondern das Ausmachen von komplexeren Zusammenhängen. Im Vorbei-Schreiten an ihren Foto-Plastiken ergeben sich wechselnden Prioritäten des Gesehenen: mal sieht man ein Gefüge von dünnem Rohrgeflecht und Hell-Dunkel-Partien, mal ein perfekt ausgeleuchtetes, gekonnt inszeniertes Porträt hinter einem zarten Lineament. Die Veränderung ist das Mittel, mit dem die Künstlerin virtuos umgeht. Sie verändert ein ehemals intaktes Bildnis in ein raumgreifendes Objekt, sie verändert die Sehweise wie in einem Vexierspiegel und verleiht dem Bild Lebendigkeit.
Bilder und Icons
Ilse Haider nennt die aktuelle Ausstellung „Icons“. Ikonen der Mediengeschichte treten dem Betrachter gegenüber: die Sängerin Billie Holiday – durch ihre spektakuläre Aufmachung für ihr „Gesicht“ fast genau so berühmt wie für ihre Jazz-Songs; die mexikanische Malerin Frida Kahlo, die sich selbst als ihr gelungenstes Gemälde ansah; Marlene Dietrich, die ewig Rätselhafte und Undurchschaubare- hier wird ihre melancholische Aura wie durch einen Schleier fühlbar. Die Überführung der medial inszenierten Porträts in das skulpturale Gefüge von Ilse Haiders Kunstintervention setzt der Trivialität und Banalität von tausendfach gesehenen Starfotos etwas Subversives und Erweiterndes entgegen. Ikonen werden zu Bildern, zu gestalteten und inspirierten Objekten, die von einer Fotografie ausgehen, diese aber umdeuten und erweitern: ist die Malerin Frida Kahlo in ihrem Ich, ihrer Schönheit gefangen? Was muss man über die Pop-Sängerin Dusty Springfield und ihren Anti-Apartheid-Protest wissen, wenn man ihrem sonnig dargebotenen Gesicht hinter Rasterstrukturen begegnet?
Ein Gesicht – und mehr
In der Ausstellung „Icons“ werden Arbeiten aus den Jahren 2018 bis 2026 von Ilse Haider versammelt. Neben den Celebrities aus Film- und Showbusiness hat sich die Künstlerin immer auch für die „Gesichter“ hinter bekannten Werken interessiert, die man nicht kennt. Wie sahen bestimmte MalerInnen aus, Philosophen und Denkerinnen oder SchauspielerInnen aus längst „unmodern“ gewordenen Filmen? Ilse Haider interessiert sich für das Verhaftet-Sein von Physiognomie und Werk. So manche Künstlerpose findet sich im eigenen Œuvre wieder, so mancher Sänger interpretiert nicht nur seine Songs, sondern auch sich selbst – in den Objekten von Ilse Haider finden sich diese Haltungen herausseziert und markant akzentuiert wieder.
Eine neue Werkphase eröffnet die Künstlerin mit ihrer Arbeit zur Philosophin Hannah Arendt, in der sie einer großformatigen Porträtskulptur eine monochrome Fotoarbeit gegenüberstellt. Diese ruhige, einfache Tafel reflektiert die gedankliche Tiefe und Unergründlichkeit des Wesens der Philosophin und ergibt mit dem stark fasrigen Relief des Porträts ein Diptychon von meditativer Intensität.
Margit Zuckriegl



























